Neues von Norderoog - Blog-Eintrag Nr. 4

Sommer auf Norderoog

Nach längerer Funkstille nun ein neues Lebenszeichen von Norderoog. Die letzten zwei Monate waren sehr aufregend und ein ständiges Auf und Ab der Gefühle.

 

Beginnen möchte ich mit dem Ausbruch der Vogelgrippe in der Brutkolonie der Brandseeschwalben. Anfänglich war die Situation hier auf Norderoog noch wesentlich hoffnungsvoller als an anderen Orten der Nordseeküste, von denen schlimme Meldungen von enormen Verlusten innerhalb der Seevogelkolonien zu hören waren. Doch auch Norderoog blieb nicht verschont. Von Ende Juni bis Mitte Juli häuften sich auch hier auf der Hallig die Funde von Kadavern verendeter Altvögeln der Brandseeschwalben. Auffällig war, dass diese vornehmlich außerhalb der Kolonien, in den Lahnungsfeldern zu finden waren. Auf dem regelmäßigen Weg vom Anleger bis zu den Hütten konnte ich mitunter 5 bis 10 neue Kadaver am Tag zählen. Während dieser Zeit war außerdem zu beobachten, dass ein großer Zuzug von mehreren Tausend Individuen an der Südkante der Hallig stattfand. Zu vermuten ist, dass diese aus Kolonien abgewandert sind, die noch früher und stärker von Verlusten betroffen waren. Trotz der hohen Verluste hier vor Ort, wurde es also nicht ruhiger. Erste Schätzungen lagen zwischenzeitlich bei etwa 10.000 Brandseeschwalben hier auf der Hallig. Während mehrerer Kontrollgänge, konnte ich zahlreiche Ringe an den Totfunden ablesen. Hier war auch ein eindeutiger Trend im Süden der Hallig zu erkennen. Viele dieser Ringe stammten aus den Niederlanden, einzelnen auch aus Dänemark, Großbritannien, Spanien oder Belgien. So traurig diese Funde auch waren, so spannend waren diese kleinen Erkenntnisse.

 

Nach mehreren Wochen ohne Betretung der Brutkolonien habe ich Mitte Juli wieder einen ersten Kontrollgang in die Ostkolonie gewagt. Auch wenn ich in den vergangenen Wochen viele Kadaver gesehen hatte, war das Ausmaß der Verluste in der Kolonie ein erschreckender Anblick. Hier lagen auf jedem Quadratmeter mehrere tote Jungvögel. Während einer späteren Zählung, konnten wir über 1.800 Kadaver auf der Hallig zählen, wobei der Großteil Jungvögel waren und längst nicht alle Bereiche der Ostkolonie erfasst werden konnten. Durch eine Transektstrecke lässt sich aber hoffentlich später eine Annäherung an den Gesamtverlust machen. Abseits der Zahlen und Erhebungen einfach ein trauriges Jahr für die Brandseeschwalben!

Vogelgrippe auf Hallig Norderoog. Fotos: Merle Rietz und Jannis Dimmlich.

Zu den vielen Verlusten auf der Hallig muss neben den Seeschwalben auch mein Kühlschrank gezählt werden. Als ich nach einem kurzen Festlandbesuch Ende Juni wieder auf die Hallig kam, hatte die Solaranlage ein Problem, dass ich nicht erkennen konnte. Außerdem war der Wechselrichter, der den Strom für die Steckdosen nutzbar macht, defekt. Mehrere Tage keinen Strom zu haben, kann auf kurze Sicht sehr befreiend und erholsam sein, da sich somit auch die Nutzung von Handy und Internet ausschlossen. Wenn es um den Wetterbericht, GPS oder einen Notruf geht, ist die Notwenigkeit dieser Geräte plötzlich aber gar nicht so unwichtig. Nach einigen Tagen konnte ich dann durch mehrere Solar-Powerbanks meine Akkus wieder auffüllen und Norderoog war wieder online.

 

Mittlerweile ist der Wechselrichter wieder repariert. Der Kühlschrank bleibt weiter defekt. Wirklich spannend war das zeitgleiche Ableben des Kühlschranks auf Trischen. Etwas ungläubig haben sich Till (Vogelwart auf Trischen) und ich uns bei unserem letzten Telefonat über diesen Zufall ausgetauscht. Und wie auch auf Trischen blieb mir nichts übrig, außer die Kühle des Bodens zu nutzen und den alten Workcamp- Erdkühlschrank zu reaktivieren. Dieser war durch zahlreiche Kanister im Boden vor dem Zuspülen bei Landunter gesichert worden, deren Ausgraben ziemlich mühsam war. Seit bald zwei Monaten hält dieser Erdkühlschrank nun meine Lebensmittel kühl. Mal besser, mal schlechter. Gerade bei teilweise über 30° C stößt auch diese Lösung an ihre Grenzen. Aber es ist Rettung in Sicht! Ende des Monats kommt ein neuer Kühlschrank aus Schlüttsiel per Schiff zu mir nach Norderoog.

Der Erdkühlschrank wird wieder in Betrieb genommen. Fotos: Jannis Dimmlich

Neben den zahlreichen Verlusten gab es natürlich auch viele schöne Momente auf Norderoog. So waren zum Beispiel die rotfüßigen Seeschwalben rund um die Hütte herum deutlich erfolgreicher bei ihrer Brut und ich konnte zahlreiche Jungvögel vom Umlauf der Hütte beobachten.

 

Sehr spannend war auch die Pflanzenkartierung auf dem Norderoogsand. Auf der noch jungen Düneninsel im Norden der Sandbank wird seit einigen Jahren eine jährliche Pflanzenartenliste vom Nationalparkamt erstellt. Für diese Datenerhebung durfte ich Moritz Padlat vom Schleswig-Holsteinischen Nationalparkamt begleiten. Bei hohen Temperaturen und wenig Schatten haben wir an zwei Tagen die Insel durchkämmt und eine aktuelle Artenliste für 2022 zusammengetragen. Während ich in den Monaten zuvor immer nur sehr vorsichtig die Düne betreten konnte, um nach den dort brütenden Großmöwen zu schauen, war es sehr spannend nach dem Ende der Brutzeit mehr Zeit im inneren der Düneninsel zu verbringen und nebenbei wieder meine botanischen Kenntnisse aufzufrischen.

Vegetationskartierung auf der Düne des Norderoogsand. Foto: Merle Rietz

Ein weiteres botanisches Highlight war natürlich auch die Blüte des Halligflieders (Limonium vulgare), der vor allem die Salzwiese direkt vor den Hütten in ein leuchtendes Lila färbte.

Halligflieder-Blüte auf Norderoog. Foto: Jannis Dimmlich

Auch ein wenig handwerklich ist es in der letzten Zeit auf Norderoog gewesen. Durch den starken Wintersturm im Februar waren der Steg und Teile des Anlegers fortgerissen worden. Nun, da die Brutzeit vorbei ist, kann ich also auch ein paar Reparaturen durchführen, ohne, dass jeder Hammerschlag die ganze Hallig aufschreckt. Bei der Arbeit hatte ich zum Glück tatkräftige Unterstützung von lieben Freunden, die mich hier besucht hatten. Mit dem Ergebnis bekommen wir wahrscheinlich keinen Meistertitel, aber die täglichen Gänge zum Wasserholen sind nun deutlich bequemer und auch die Besuchergruppen von Hooge können nun wieder ein wenig barrierefreier die Hütten erreichen.

Stegreparatur. Foto: Johanna Lauffer

Nun beginnt auch schon langsam der Vogelzug und meine letzten Monate Dienst im Herbst, bis ich Ende Oktober die Hallig wieder verlasse und sie bis zum Dienstantritt meiner Nachfolgerin wieder nur den Vögeln gehört.

Ich wünsche euch einen schönen Spätsommer!

Herzliche Grüße von Norderoog

Euer Jannis

Kontakt

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